Im Hause Unilever tobt der Nahostkonflikt

Der Konsumgüter-Konzern und seine Tochter-Firma Ben & Jerry's zanken sich öffentlich.

30.06.2022
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Hier ist selbst Glacé ein Zündstoff: Markt in Ost-Jerusalem   |   Bild: von: Dave Herring on Unsplash
Die Aufregung enstand am Mittwoch: Da meldete Unilever, dass es sein Ben&Jerry's-Glacégeschäft in Israel verkauft habe – und zwar an den bisherigen Lizenznehmer Avi Zinger. Die Glacémarke werde nun unter ihrem hebräischen wie ihrem arabischen Namen in Israel und im Westjordanland weitergeführt.
Damit wollte Unilever ein Problem loswerden, das den Konzern seit fast einem Jahr umtreibt. Denn im Juli hatte die Firmenleitung von Ben & Jerry's angekündigt, in den besetzten Gebieten Israels keine Glacékübeli mehr anzubieten.
Das führte zu einem kleineren diplomatischen Konflikt – die Regierung in Tel Aviv warf den Eisproduzenten Antisemitismus vor. Und was die Sache ökonomisch heikel machte: Laut israelischem Recht dürfte der Lizenznehmer Avi Zinger nicht einfach den Verkauf im Westjordanland und in Ostjerusalem einstellen, sondern wenn, dann müsste er den ganzen Markt aufgeben.

«Social Mission» versus…

Unilever ging auf Distanz zur Politik seiner Tochterfirma. Nur: Ben & Jerry's, gegründet 1978 von zwei Freunden in Vermont, gehört zwar seit dem Jahr 2000 zum Mutterhaus von Knorr, Dove, Magnum oder Lipton. Doch der Übernahmevertrag bestimmte auch, dass der Verwaltungsrat der Glacéfirma autonom über die «social mission» des Unternehmens entscheiden dürfe.
Und als solch eine soziale Mission empfand es das Gremium, Israel zu boykottieren und die Chocolate-Fudge-Brownie- oder Cookie-Dough-Kübel in den jüdischen Siedlungen, auf der West Bank und in Ostjerusalem aus dem Regal zu kippen.

… finanzielle Entscheidungen

Die Konzernleitung von Unilever wiederum erachtet so etwas als Diskriminierung und Zeichen der Intoleranz. Das jüngste Statement machte definitiv klar, wie sehr die Zentrale in London der israelischen Regierung zuneigt. «Antisemitismus hat keinen Platz in keiner Gesellschaft», so eine Bemerkung dazu.
Was also tun? Der Kaufvertrag aus dem Jahr 2000 sah auch vor, dass Unilever über «finanzielle und operationelle» Dinge entscheidet. Und darunter fällt es halt auch, wenn Ben & Jerry's im Einzugsgebiet von Israel und den besetzten Gebieten einfach an einen lokalen Lizenznehmer abgetreten wird.
Soweit die Exit-Idee. Wenige Stunden folgte via Twitter allerdings der hörbare Widerspruch aus Vermont: «Wir sind damit nicht einverstanden», hiess es da zum Beispiel. Und weiter: «Wir glauben weiterhin, dass es nicht im Einklang ist mit den Werten von Ben & Jerry's, dass unser Eis in den israelisch besetzten Gebieten verkauft wird.»
Man habe im letzten Jahr sehr viele Stimmen zu diesem komplexen und sensiblen Problem angehört und habe sich auch mit der israelischen Regierung beraten, befand das Unilever-Management. Und dies sei wohl das beste Resultat für Ben & Jerry's in Israel.
Im Hintergrund steht auch, dass Unilever in den letzten Jahren über 1 Milliarde Shekel – also etwa eine Viertelmilliarde Franken – in den israelischen Markt investiert hat.
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