«Voranschreitende Verödung der Innenstädte»

Warenhäuser gelten als Frequenzbringer: Wenn sie verschwinden, trifft das auch die Umgebung. Es fragt sich nur, wie stark.

9.02.2023
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Jelmoli in Zürich: Die Schliessung ist Verlust. Aber ist er gross?  |  Bild: PD
Deutschland ist nicht die Schweiz und Galeria ist nicht Jelmoli. Doch mit der Schliessung von Jelmoli in Zürich (und mir der Sorge, dass der hiesigen Kaufhaus-Szene noch mehr Kahlschlag droht) mag ein Blick über die Grenze interessant sein. Dort ist bekanntlich der Warenhaus-Konzern Galeria Kaufhof Karstadt insolvent, Lösungen werden eifrigt gesucht. Dies wiederum führte früh zur Frage nach den Zweit- und Drittfolgen.
Offenbar liess Galeria schon in Herbst 2022 bei der Universität St. Gallen ein Gutachten zu den allgemeinen Folgen erarbeiten. Ein Fazit daraus: Eine Schliessung der Galeria-Warenhäuse hätte eine «voranschreitende Verödung der Innenstädte» zur Folge.

Spinne im Netz

Die Studie, erstellt im Oktober, ist vertraulich, aber einzelne deutsche Medien hatten Zugriff und zitierten daraus. Danach rechnen die HSG-Forscher mit durchschnittlich 37 Prozent weniger Fussgängerinnen und Fussgängern, falls der örtliche Kaufhof verschwindet. An einzelnen Standorten werde die Frequenz sogar über 50 Prozent abnehmen.
Kann das sein? 30 bis 50 Prozent Einbruch wegen eines Hauses?
Zu bedenken ist, dass die Karstadt- oder Kaufhof-Klötze in vielen deutschen Nachkriegs-Fussgängerzonen eine buchstäblich grosse Rolle spielten; sie wirkten quasi wie die sprichwörtliche Spinne im Netz.
Zudem spiegeln sich in den Daten wohl auch Worst-Case-Szenarien, die dem Auftraggeber der Studie – Galeria – zupass kamen. Denn es ging dabei auch darum, Unterstützung vom Staat zu bekommen.
  • Es genügt nicht, vieles richtig zu machen. Dagmar Jenni, die Direktorin der Swiss Retail Federation, über den Fall Jelmoli.
  • Mehr Leben auf den Shoppingmeilen: Die Passantenfrequenzen sind inbesondere auf der Zürcher Bahnhofstrasse wieder deutlich höher.
Trotzdem: Spürbar wird, dass Warenhäuser einen erklecklichen Teil der Innenstadt-Ströme eben auch selber anziehen. Wenn in Zürich an guten Samstagen 75'000 bis 80'000 Menschen unterwegs sind; wenn zugleich Jelmoli selber an seinem stärksten Samstag 50'000 Personen im Haus hatte (wie die NZZ jetzt gerade feststellte) – dann zeigt sich, dass so ein Shopping-Tempel selber kräftig Frequenzen schafft.

Verhältnis 1 zu 10

Eine andere Rechnung dazu: Die 131 Galeria-Warenhäuser zwischen Flensburg und Konstanz erzielten zuletzt Umsätze von 2,1 Milliarden Euro. Bei deren Schliessung – so die Modellrechnungen aus St. Gallen – würde der Nonfood-Detailhandel aber rund 22 Milliarden Euro an Geschäft einbüssen. Macht ein Verhältnis von etwa eins zu zehn.
Eine Schliessungswelle werde zu «gravierenden, negativen sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen» führen, so ein Fazit des Gutachtens.
Die Branchenorganisation HDE – der Handelsverband – schloss sich damals in der politischen Diskussion dieser Denkweise an: Er sprach sich für einen Staatskredit für Galeria aus, denn die Warenhaus-Gruppe sei auch für andere Geschäfte an allen Standorten wichtig. «Wir halten es für richtig, dass ein Unternehmen, das so viel Bedeutung für unsere Innenstädte hat, jetzt unterstützt wird», so HDE-Geschäftsführer Stefan Genth damals.

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