Dufry und Autogrill: Job-Abbau kein Thema

Die schweizerisch-italienische Fusion ist vor allem ein mittel- und langfristiges Projekt. Kurzfristig könnte es ungemütlich werden.

11.07.2022
image
Legendär: Autogrill-Raststätte Villoresi Ost bei Mailand, errichtet 1958   |   Bild: PD Autogrill
Die Aktie von Dufry stieg am Montag im frühen Börsenhandel deutlich an – sie sprang zu Beginn um gut 6 Prozent nach oben. Das lässt ahnen, dass viele Investmentprofis an die Vision des neuen Retail-Trading-Riesen glauben. Auf der anderen Seite stürzten die Autogrill-Aktien in Mailand um 8 Prozent ab: Der Preis, den Dufry offeriert, liegt unter dem zuletzt bezahlten Börsenwert des italienischen Autobahn-Retail- und Restaurant-Konzerns.
Kurz: Es ist ein zwiespältiges Bild. Kein Zweifel besteht, dass der neue Konzern – dessen Name noch offen ist – in diversen Weltgegenden und in diversen Bereichen ein Gigant sein wird. Und dass er auch «durch wichtige Synergien innerhalb der neuen Gruppe begünstigt wird», wie der designierte Ehren-Präsident Alessandro Benetton es formuliert.
Und so spielt beides hinein in diese Ehe – etwas Liebe, etwas Vernunft. Die beiden Unternehmen haben vielfach zusammengearbeitet, 2015 übernahm Dufry eine Mehrheit des Duty-Free-Geschäfts von Autogrill. Gemeinsam kamen sie dann auch in die Bredouille der Pandemie. Autogrill musste deswegen 2021 eine Kapitalerhöhung von 600 Millionen Euro durchführen. Dufry wiederum konnte seine Verschuldung nicht wie geplant abbauen (Netto-Verschuldung Ende 2021: 3,1 Milliarden Franken); und es segelt jetzt in diesem Zustand in Gewässer mit steigenden Zinsen.
Auf der anderen Seite leben Tourismus, Gastronomie und Reiseverkehr nun wieder auf – so dass beide Konzerne zu Investitionen gezwungen sind. Eine Zwangslage.
Autogrill-Dufry im Vergleich:

  • Umsatz 2021
Angestellte
Coop
31,9 Milliarden Franken
95'400
Migros
29,9 Milliarden Franken
99'000
Dufry/Autogrill
13,6 Milliarden Franken *
60'000 *
Denner
3,8 Milliarden Franken
6'000
Fenaco (Volg & Landi)
2,4 Milliarden Franken
4'400
Aldi Suisse
2,3 Milliarden Franken **
3'900
Valora
1,7 Milliarden Franken
3'700
* = Schätzung/Prognose Dufry | ** = Schätzung
Und so gibt es auch Warnungen. Die Zürcher Kantonalbank schreibt in einer Notiz, die Synergien des Deals seien «schwer greifbar» (Quelle: «Cash»). Denn die Unterschiede zwischen Airport- und Highway-Geschäft seien sehr gross. «Die Integration wird zeitintensiv. Eine nachträgliche Abspaltung des Highway-Bereichs nach der Fusion bleibt denkbar.»
Die ZKB wittert also ein hohes Risiko für eine lang anhaltende Verwässerung der Rendite auf dem eingesetzten Kapital für Dufry – und stuft die Aktie daher ein auf «Untergewichten».

Offizielles Personal-Plus

Bemerkenswert ist, dass die bisher verfügbaren Informationen keine Rede ist von einer Straffung beim Personal. Dufry und Autogrill sprechen von insgesamt 60'000 Personen, die der neue Konzern beschäftigen wird.
Zum Vergleich: Ende 2021 wies Dufry knapp 20'000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus; und bei Autogrill waren es 34'000. Macht zusammen 54'000.
image
Eher Ergänzung als Überlappung: Standorte von Dufry (schwarz) und Autogrill (rot). Hellrot: Märkte, in denen beide präsent sind.  | Quelle: PD Dufry

  • handel
  • food
Artikel teilen

Loading

Comment

Home Delivery
1 x pro Woche. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Auch interessant

image

Hochdorf: Ein Rettungsanker aus Italien

Der Babyfood- und Nutrition-Konzern hat einen neuen Grossaktionär mit strategischen Plänen.

image

Wie man beim Auffüllen der Regale massiv Zeit spart

Ein kleiner Trick erspart bis 90 Minuten Arbeitszeit pro Tag und pro Filiale. Sagt die belgische Retail-Kette Colruyt.

image

Lauwarmer Jahrestart 2024 für Nestlé

Der Konzern musste im ersten Quartal eine Umsatzdelle hinnehmen. Dank Preiserhöhungen gab es dennoch ein organisches Wachstum. Nestlé bleibt optimistisch und bestätigt die Ziele.

image

Pistor: Christophe Ackermann neu im Verwaltungsrat

Der Waadtländer ersetzt Nicolas Taillens, der nach 12 Jahren die Amtszeitbegrenzung erreicht hat.

image

Vegane Produkte: Sinkt der Preis, steigt der Absatz

Lidl Deutschland verbilligte die Vegi-Eigenmarke Vemondo auf Fleisch-Niveau – und verkaufte innert sechs Monaten über 30 Prozent mehr.

image

Wechsel im Management von Valora Food Service

Die Sparte Food Service wird aufgeteilt. Die beiden Valora-Internen Sebastian Kayser und Sebastian Gooding übernehmen vom bisherigen CEO Thomas Eisele.