Temu auf Platz 1 der Schweizer App-Charts

Der chinesische Onlineladen lockt nach einem Monat Präsenz Schweizer Shopper wie kein anderer. Doch wie lange wird das Interesse anhalten?

20.07.2023
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Woche 4 nach dem Start: Die Temu-App ist Nummer 1 in den Charts | Bild: Konsider (Screenshot)
Ein neuer oranger Riese ist in der Schweiz angekommen: Temu, der chinesische Senkrechtstarter im E-Commerce, hat nur einen Monat nach seinem Start den ersten Platz der App-Charts eingenommen – sowohl in Apples App Store, wie auch bei Google Play. Er dominiert nicht nur die Sektion «Shopping-App», sondern stiess unter allen Gratis-Apps an die Spitze.
Das mag nur wenige erstaunen: Zu clever funkioniert das mit süchtig machenden Features vollgestopfte Onlinewarenhaus. Zu günstig sind die Preise in allen Warenkategorien, um zu widerstehen. Offenbar schadet auch die unbeholfene Übersetzung des Werbeslogans «Shop like a billionaire» in «Shoppe wie Milliardäre» nicht. Geholfen hat Temu dagegen wohl ein Beitrag in der abendlichen «Tagesschau» von SRF.
Mehr zu Temu
Der neue Marktplatz aus China weist rund 61 Milliarden Bestellungen pro Jahr und 11 Millionen angeschlossene Händler aus, wie das Fachmedium «Etailment» berichtet. Temu habe die Grundlagen moderner E-Commerce-Architekturen verstanden, so Autor Christian Maass. Das zeige sich im Umgang mit Produktdaten, vertieften Filtermöglichkeiten, kurz: in der «technische Exzellenz in der Kaufanbahnung».
Temu sei aber auch darüber hinaus sehr gut in den Grundlagen des E-Commerce aufgestellt, etwa bei der Integration von Best-Practices im Bereich Conversion-Boosting oder der Umsetzung von One-Click-Bestellungen, Streichpreisen, Rabatten und vielen weiteren Punkten.
Auch in der Bestellabwicklung liege Temu vorne: Es lasse sich «sehr leicht und transparent im Kundenkonto nachvollziehen, wann die Bestellung platziert, verpackt oder verschickt wurde und wo sie sich aktuell in welchem Status befindet».
Das bieten zwar auch hiesige Online-Stores wie etwa Nettoshop.ch. Doch wer auf Temu landet, ist darüberhinaus in einer Art Casino-Atmosphäre gefangen, die mit bunten, blinkenden und Dringlichkeit suggerierenden Tools zum Einkauf motiviert. Die technische Fortschrittlichkeit verbindet sich mit Gamification und scheinbar unschlagbaren Preisen zu einem Shoppingerlebnis, wie es zurzeit kein anderer der globalen E-Commerce-Anbieter kennt – weder Aliexpress noch Shein noch Wish oder gar Amazon.
Im Vereinigten Königreich sind die Pioniere des Gemischtwarenladens im Netz, Amazon und Ebay, wegen Temu mit starkem Gegenwind konfrontiert: Amazon hat dort seit Anfang 2023 mehr als eine Million tägliche App-Nutzer verloren: Während es im Januar 9,3 Millionen waren, sind es aktuell nur noch 8,3 Millionen, berichtet der «Amazon Watchblog». Noch stärker leidet Ebay: Hier fiel die Zahl der täglich aktiven Nutzer seit Januar um fast zwei Millionen auf 4,2 Millionen.

Nichts ist niet- und nagelfest

«Temu-Verkäufer klonen Amazon-Geschäftsfassaden.» Mit dieser Schlagzeile weist das US-Magazin «Wired» auf ein zunehmendes Problem hin: Onlineläden klauen anderen, was nicht niet- und nagelfest ist – und das ist bekanntlich kaum etwas in der digitalen Welt. Egal ob Ladendesigns, Texte, Bilder oder gefälschte oder nachgeahmte Produkte, wie das Nachrichtenportal «Onlinehändler News» weiss.
Zitiert wird etwa ein chinesischer Händler, der Kunsthandwerksprodukte anbiete und «seine Waren zur Qualitätssicherung von einer Schweizer Firma prüfen und zertifizieren» lasse. Er hat gemäss dem Bericht gefälschte Versionen von zwei seiner meistverkauften Produkte bei Temu gefunden – mit denselben Bildern, die er persönlich aufgenommen habe. Die Waren seien zudem 30 Prozent günstiger angeboten worden.
Temu hingegen hat seit dem Markteintritt im April 2023 innerhalb eines Monats rund 3,5 Millionen tägliche Nutzer generiert – die mit 18 Minuten pro Besuch zudem mehr als doppelt so lange im Laden verweilen als jene von Amazon, Ebay oder Shein. Allerdings soll sich der Zulauf an Neukunden seit Mai 2023 verlangsamt und die Anzahl der Nutzer der App stabilisiert haben.
Was wiederum einige Fragen aufwirft: Kann Temu auch langfristig Erfolg haben? Oder ist das Kundenpotenzial der Chinesen nach einigen Monaten bereits ausgereizt? Sind am Ende vielleicht doch die negativen Erfahrungen vieler Nutzer und die kritischen Schlagzeilen über schlechte Qualität, unzuverlässige Lieferungen und Fake-Produkte entscheidend? Wann kommt der Onlineshop, der Temu mit neuem Schnickschnack übertrümpft?
Oder hat die Mehrheit der potenziellen Kundschaft vielleicht am Ende doch kein Interesse auf Bling-Bling in Kombination mit Pinke-Pinke?
Temu und Shein zanken vor Gericht
«Wie Du mir, so ich Dir.» Nach diesem Prinzip hat der China-Shop Temu den ebenfalls chinesischen Konkurrenten Shein in Boston (USA) angezeigt. Dieser würde unter Missbrauch seiner Marktmacht willige Händler von Geschäften mit Temu abhalten, meldet «Retail Detail». Shein habe einen Krieg begonnen.
Zuvor hatte Shein eine Klage gegen Temu eingereicht, weil Temu die werbenden Influencer gegen den Konkurrenten aufhetze. Shein wiederum steht nach Klagen von Designern wegen Urheberrechtsverletzungen und «mafiöser Praktiken», aber auch wegen Zwangsarbeit und mieser Arbeitsbedingungen in den Fabriken vor dem Richter.
Lesetipp für die Billigheimer: Johannes-Evangelium, Kapitel 8: «Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein.»

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