B2B-Plattform «Mehr als Zwei» rettet 26 Tonnen Lebensmittel

In der halbjährigen Testphase wurden 30 Betriebe als Teilnehmer gewonnen. Nun geht es um die langfristige Finanzierung.

11.04.2023
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Ein Upcycling-Produkt auf «Mehr als Zwei»: getrocknete Apfelringe | Bild von: on Unsplash
In der halbjährigen Testphase von September 2022 und März 2023 konnte der Schweizer «Marktplatz für Überschuss» «Mehr als Zwei» 26 Tonnen Lebensmittel retten. Diese Menge gaben Betriebe, die Überschüsse produzierten, an solche weiter, die sie vertreiben oder für die eigene Produktion verwenden konnten.
Der Schweizer «Marktplatz für Überschuss» ging vor sechs Monaten als Prototyp online. Er richtet sich an Produzenten und Händler und will Lebensmittelüberschüsse handelbar zu machen. «Mehr als Zwei» soll zur «Drehscheibe für Waren, Ressourcen und Know-how» werden.

Zu klein, zu krumm

Zurzeit werden zum Beispiel rund 30 Posten an Bananen, Bohnen, Kartoffeln oder Zwiebeln angeboten – in Mengen bis zu mehreren tausend Kilogramm. Sie sind teilweise «ohne Verwendung», «zu klein, zu gross, zu krumm» oder stehen kurz vor dem Ende der Haltbarkeit.
Auf einem weiteren Marktplatz der Plattform finden sich über 30 Food-Upcycling-Produkte, etwa getrocknete Apfelringe oder Süsskartoffelsuppen. Die aufgeführten Produkte enthalten mindestens 30 Prozent «gerettete Rohstoffe».
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Ausschnitt aus dem Upcycling-Angebot auf «Mehr als Zwei» | Bild: Screenshot
Teilnehmende Betriebe wie das Luzerner Kantonsspital ziehen nach dem ersten Probe-Halbjahr ein positives Fazit. «Einfach online, über die B2B-Plattform für Überschuss von ‹Mehr als Zwei›, Lebensmittel zu retten, finden wir grossartig», kommentiert etwa Fabian Gut, Stellvertretender Leiter der Gastronomie und Hotellerie. «Sie ermöglicht uns, auf einfache Weise, einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten, um qualitativ hochstehende Lebensmittel vor dem Wegwerfen zu bewahren.»

Früchte- und Gemüsehandel sieht Potenzial

Grosses Interesse besteht auch im Handel, wie Christian Sohm, Direktor des Verbandes des Schweizerischen Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels (Swisscofel), ausführt: «Das Potenzial des Projektes liegt ganz klar darin, dass eine grosse Vielfalt der Teilnehmer neue Denkweisen und Lösungen fördert. Das Projekt hilft so, temporäre und saisonale Überschüsse sinnvoll zu verwenden ohne den saisonalen Verkauf zu konkurrenzieren.»
Das Institut für Marketing Management der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) weist im Rahmen eines Forschungsprojektes mit dem Verein «Mehr als Zwei» darauf hin, dass in der Schweiz jährlich allein in der Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie rund 900’000 Tonnen vermeidbare Lebensmittelabfälle anfallen. Gründe dafür seien unter anderem Industrienormen und fehlende Absatzmärkte für (geniessbare) Nebenprodukte.

Verschwendet als Futtermittel oder Dünger

In der Schweiz gebe es für Landwirtschaft und Industrie auf B2B-Ebene bisher «keine einfache Möglichkeit», um Lebensmittel-Ausschüsse und -Überschüsse zu verkaufen oder einzukaufen. Über 90 Prozent würden deshalb als Futtermittel, organischer Dünger oder zur Energieproduktion verwendet – obwohl sie mit hohem Aufwand und Kosten für den menschlichen Konsum produziert wurden und dafür nach wie vor geeignet wären.
Laut den ZHAW-Forschern existiert aber «sowohl auf Abnehmer- als auch auf Lieferantenseite» und insbesondere bei Startups und kleineren Unternehmen, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben haben, ein Interesse an einer B2B-Plattform zur Rettung dieser Lebensmittel.

Im Gespräch mit Grossunternehmen

Der Verein «Mehr als zwei» sucht aktuell nach Förderpartnern, um das Projekt weiter zu finanzieren. Wie die Mitgründerin und Geschäftsleiterin des Vereins, Olivia Menzi, gegenüber Konsider ausführt, würden im Mai zu diesem Zweck Gespräche mit einer möglichen grossen Partnerin geführt.
An einem gemeinsamen Folgeprojekt interessiert seit auch die Ostschweizer Fachhochschule. Dabei sollen bestehende Prototypen unter Einbezug verschiedener Stakeholder zu einer funktionierenden Plattform weiterentwickelt werden.
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