Die Händler-Margen, die der Preisüberwacher nicht zeigen soll

Eine neue Facette im Streit über die Rolle von Migros und Coop im Bio-Markt.

23.12.2022
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Der neuste Newsletter von Preisüberwacher Stefan Meierhans hat eine bemerkenswerte Lücke. Das Inhaltsverzeichnis kündigt einen HAUPTARTIKEL an, Thema: «Preise und Margen der (Bio-)Lebensmittel im Detailhandel».
Doch dort, wo der Hauptartikel stehen müsste, findet das Publikum nur einen trockenen Hinweis: Der Artikel entfalle «aufgrund von rechtlichen Abklärungen».
Was ist da geschehen? Des Pudels Kern wird im Titel ersichtlich: Es geht um die Margen bei Bio-Lebensmitteln.
Also um ein zunehmend umstrittenes Thema.
Hier stehen Coop und Migros seit längerem in der Kritik. Produzenten, Konsumenten-Organisationen und Tierschutz werfen den beiden Grossverteilern vor, dass sie zu hohe Margen fordern – womit sie den ganzen Bio- und Label-Markt in seiner Entwicklung hemmen.

«…in Kontakt»

Die Lebensmittel-Händler wiederum erachten diese Margen als Betriebsgeheimnis.
Und so liegt nun die Vermutung nahe, dass der Preisüberwacher sein Auge auf den Streitfall geworfen hat, worauf die Grossverteiler gegen eine Veröffentlichung von Daten intervenierten.
Konkret: Wie die SRF-Sendung «10 vor 10» unter der Schlagzeile «Maulkorb für den Preisüberwacher» meldet, war es die Migros, die ihre Juristen in Bewegung setzte. «10 vor 10» beruft sich auf «Insider».
«Wir standen mit dem Preisüberwacher in Kontakt. Auf den Inhalt des Austauschs möchten wir nicht eingehen», so das Statement der Migros.
Coop dementiert derweil, dass man interveniert habe.
Das Problem kam in diesem Jahr mehrfach auf: Denn angesichts der steigenden Teuerung kamen Bio- und Label-Produkte noch stärker unter Druck; vermehrt wandten sich die Konsumenten ab von den teureren Angeboten.

Brisanz und Transparenz

Im November besagte eine Studie von Fachhochschule Nordwestschweiz und Schweizer Tierschutz, dass die Marktmacht von Coop und Migros den Absatz von Labelfleisch stocken lässt.
Das Papier beschrieb ein Dilemma: Einerseits erhielten die Landwirte von den Detailhändlern für Label- und Bioprodukte nicht genug, um die zusätzlichen Kosten zu rechtfertigen. Andererseits seien im Detailhandel die Preisunterschiede zwischen Bio- und konventionellen Produkten für die meisten Konsumenten prohibitiv hoch.
Im Sommer wurden auch Margen von 40 bis 60 Prozent im Milchbereich bekannt.
«Der Bericht hat vermutlich hochbrisante Informationen, die nicht an die Öffentlichkeit dürfen», so Sara Stalder, die Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, in der SRF-Sendung: «Das geht natürlich gar nicht. Der Detailhandel hat so eine wichtige Stellung in der Schweiz – der müsste transparent sein.»
Wie sehr, das wird sich zeigen. Stefan Meierhans wollte den Vorgang nicht materiell kommentieren – er wartet die juristischen Abklärungen ab.
Zugleich wird die Politik aktiv: Soeben nahm der Ständerat das Postulat «Wettbewerbssituation im Lebensmittelmarkt» an, das mehr Transparenz in die Preisbildung bringen soll.
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