Mieten statt kaufen: Ein zweiter Frühling für das ewige Nebengeschäft

Die Migros und andere Handels-Konzerne bauen das Geschäft mit der Vermietung aus. Was ist das nun: Nachhaltigkeits-PR? Krisen-Hilfe? Oder vielleicht doch der Mega-Trend?

6.10.2022
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Ski- und Snowboard-Ausrüstung: Einst war Kauf die Norm, heute ist Miete selbstverständlich  |  Bild von: Laura Corredor on Unsplash
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Krisenzeiten sind Sparzeiten. Wenn die Inflation steigt, die Kaufkraft sinkt und sich der wirtschaftliche Horizont verdüstert, stehen auch Konsumenten auf die Ausgabenbremse – dieses Jahr womöglich sogar im Weihnachtsfest, wie eine Umfrage von Ebay Deutschland andeutet.
Danach will fast jeder zweite Befragte das Shoppingfest 2022 «sparsamer gestalten». Und jeder fünfte setzt sich erstmals eine Budgetgrenze für Geschenke. Diese liegt im Schnitt um einen Viertel tiefer als in anderen Jahren.
Wo also sparen? Am ehesten an Konsumgütern, die man 1. selten oder 2. nur für eine bestimmte Zeit benötigt. Beste Beispiele: Hochdruckreiniger und Skier. Tatsächlich gibt es dazu seit vielen Jahren Angebote, zum Beispiel von Do-it-yourself-Geschäften oder dem Skiverleih in den Bergen.
Das Ausleihen von Gütern des täglichen Gebrauchs wie Unterhaltungselektronik oder Alltagsmode hingegen ist in der Schweiz hingegen noch wenig verbreitet.

40'000 Teilnehmer, 1'000 Abnehmer

Auf der mit 40’000 Teilnehmern grössten Miet-Plattform der Schweiz, Sharely, sind Tausende unterschiedliche Artikel zu mieten, darunter eine «Regenjacke» für 1, ein Handy für 8 oder ein Bügeleise für 4 Franken pro Tag. Auch echtes «Sharing» – die kostenlose Ausleihe von Objekten – gibt es hier, wenn auch sehr selten. Beispiel: ein Lauskamm für Haustiere.
Die Mehrheit der Angebote, von denen rund 1'000 pro Monat einen temporären Abnehmer finden, kostet hingegen; und er stammt von Privatpersonen oder kleinen Unternehmen, die das Verleihangebot nebenbei betreiben.
  • Der aktuelle Hintergrund: Die Migros wird zur grossen Vermieterin. Unter einer neuen Marke steigt die Migros breitflächig ins Vermietungs-Business ein.
Zu den wenigen grossen Mitspielern auf der Plattform gehören Jelmoli und der Fachmarkt Do-it + Garden der Migros.
Sharely betont, dass es verstärkt die Detailhändler ansprechen möchte: «Wir helfen Unternehmen beim Einstieg in die Access Economy, denn um unseren CO2-Fussabdruck im grossen Stil reduzieren zu können, müssen wir alle gemeinsam handeln.»

Erste Konzerne im Geschäft

Doch kann das Nischengeschäft für den Einzelhandel zu einem Big Business werden? Und langfristig einen Teil der Verkäufe von Detailhändlern ins Rental-Geschäft verschieben? Wird sich die neue Geschäftssparte für die Händler rechnen?
Dafür spricht, dass in den letzten Monaten gewichtige Player wie die Migros, der Sport-Discounter Decathlon in Belgien oder das britische Warenhaus Selfridges ins Mietgeschäft eingestiegen sind – jeweils mit interessanten Ansätzen.
  • Migros: Die Migros lanciert mit MCircle ein herkömmliches Mietmodell für typische Objekte wie Garten-, Heimwerker- und Elektronikgeräte (mehr dazu hier).
  • Decathlon: Die belgische Länderdivision des Sportartikelhändlers Decathlon bietet seit neuestem ein grosses Sortiment an Sport- und Freizeitausrüstungen im Abo-System an (mehr dazu hier).
  • Selfridges: Grossbritanniens edle Warenhauskette, die zum Signa-Centralgroup-Konzern gehört, setzt mit dem neuen Konzept «Project Earth» unter anderem massiv auf das Vermieten und Tauschen von Sortimentsartikeln (mehr dazu hier).
  • Kiabi: Der französische Modediscounter (Umsatz: 2 Milliarden Euro) betreibt seit neuestem wie Decathlon in Belgien ein Miet-Abo-System. Ab 19 Euro pro Monat können in 500 Boutiquen 5 Kleidungsstücke für eine unbegrenzte Zeit ausgeliehen werden, wie das «Fashion Network» es beschreibt.
Decathlon und Kiabi zeigen, dass selbst in den von «Fast Fashion» geprägten Bekleidungssektor Bewegung kommt. Die Konzerne sind offenbar überzeugt, dass Konsumenten vermehrt auch Kleider teilen werden. Bisher lag für gemietete Modeartikel der Fokus auf Haute Couture und Kleidung für Anlässe wie Hochzeiten und Bälle. Oder auf teuren Handtaschen.
Was spricht aber dafür, dass Mieten, Abonnieren und Ausleihen tatsächlich eine Wachstumsstrategie ist?
  • Es wächst in den Köpfen: Die jüngeren Generationen sind daran gewohnt – Stichworte: Car-Sharing, Streaming, SaaS (Software as a service). Im Gegensatz zu den Babyboomern wollen sie nicht mehr unbedingt besitzen (Autos, CDs, DVDs, Elektro-Trottis). Wenn es sich rechnet und einfach zu handhaben ist, begnügen sie sich gerne mit Mieten, Abonnieren oder Ausleihen.
  • Es ist nachhaltig: Das Argument der nachhaltigeren Nutzung von Objekten sticht immer mehr. Das machen sich auch die Unternehmen in ihrer Argumentation zu Nutze. Insofern bieten Miet-Angebote immer auch guten PR-Stoff.
  • Es verspricht Flexibilität: Heutige Lebensentwürfe sind durch flexible Arbeitszeiten und Arbeitsorte, mobile Arbeit, häufigere Wohnortswechsel und Last-minute-Entscheidungen für Freizeit und Ferien geprägt. Variable Miet- und Abonnementsformate (auch im kommerziellen Bereich) entsprechen diesem neuen Lifestyle, besonders in Verbindung mit digitalen Lösungen und Lieferservices.
Was spricht dagegen?
  • Produkte sind (zu) billig: Die Konsumenten sind es sich aus den letzten Jahrzehnten gewohnt, für wenig Geld viel zu bekommen (und zu behalten). Warum einen Bohrer für 20 Franken ausleihen, wenn es einen eigenen schon als Schnäppchen für 88 Franken gibt?
  • Hin und her: Es entsteht – selbst bei Homedelivery – immer eine gewisse Zusatzbelastung bei Logistik und Organisation; und zwar für beide Seiten. Die Geräte müssen transportiert und abgerechnet werden, auch die Kunden benötigt eine gewisse Zeit dafür. Das ist bei Eigenbesitz weniger der Fall. Selbst Abonnements benötigen einen gewissen administrativen Aufwand für den Konsumenten.
  • Kein Geschäft: Es ist noch nicht wirklich klar, ob Vermieten ein Geschäft für Unternehmen sein kann. Beziehungsweise eines, das einen ähnlich hohen Gewinn wie der Verkauf garantiert – der sich zudem einfacher und schneller kalkulieren lässt. Es stellt sich die Frage: Lassen sich Verleih- und Abomodelle skalieren, ohne dass Kosten für Infrastruktur, Logistik und andere Fixkosten in die Höhe schnellen?

War Otto Now zu früh?

Fakt ist: Spektakuläre Erfolge sind rar. Auf der anderen Seite zeigt beispielsweise das bekannte Beispiel Otto Now, wie hart das Miet-Geld verdient werden muss. Mit dem digitalen «Miet-Shop» wollte der Hamburger Otto-Konzern ab 2016 zum Trendsetter in der «Sharing Economy» werden. Das Tochterunternehmen des bekannten Versandhändlers begann mit ungefähr 100 Produkten, inbesondere aus dem Bereich Technik und Multimedia, aber auch mit Haushalts- und Sportartikeln.
Rückblick auf Otto Now: Was lief schief? — Marc Opelt, Vorsitzender des Bereichsvorstans von Otto, zieht Bilanz. — Videointerview vom Dezember 2021
Fünf Jahre später, im Januar 2021, wurde die Übung abgebrochen – mangels Nachfrage. «Die Produktvermietung ist in Deutschland nach wie vor ein Nischenmarkt, Konsument*innen bevorzugen meist den Kauf eines Produktes», erklärte der Otto-Konzern dazu. «Deshalb haben wir uns die Frage gestellt: Investieren wir weiter in ein Miet-Modell oder fokussieren wir uns auf unser Kerngeschäft? Wir haben uns für Letzteres entschieden.»
Eine entscheidende Frage lautet also: War Otto Now einfach zu früh? Haben sich die Zeiten geändert? Sorgen Inflation und Umweltbewusstsein für ein neues Umfeld.

Die Vorsicht der Firmen

Noch dominiert die Vorsicht. Laut einer Studie der ETH zur Kreislaufwirtschaft in der Schweiz vom letzten Januar hat nur gut jedes zehnte befragte Unternehmen vor, Miet- oder Leasingmöglichkeiten auszubauen. An Sharing-Plattformen möchten sich lediglich 7 Prozent beteiligen. Auch der Wiederverkauf beziehungsweise ein Upgrade von zurückgegebenen Produkten reizt nur eines von 20 Unternehmen.
Nur so viel ist klar: Die Ausgangslage dafür, dass sich das Mietmodell durchsetzen und zu einer echten Alternative zum «Anschaffen» werden kann, war noch nie so gut wie in der gegenwärtigen Wirtschaftslage. Die sinkende Kaufkraft der Haushalte infolge Inflation und Preiserhöhungen sowie die Zweifel an der Nachhaltigkeit unseres Konsumverhaltens spielen alternativen und disruptiven Wirtschaftsmodellen definitiv in die Hände.
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