Detailhandel: Lohnverhandlungen «unbefriedigend»

Die Gewerkschaften fordern, dass künftig niemand mit Lehrabschluss weniger als 5'000 Franken verdient. Und sie kritisieren Coop.

15.11.2022
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Laut der Gewerkschaft Syna betrifft die Tieflohn-Problematik 22,5 % der Detailhandels-Angestellten – vor allem Frauen | Bild von: santiago costa on Unsplash
Die Gewerkschaften melden sich in der laufenden Lohnrunde zu Wort – und legen nach. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund und die Unia stellten heute neue Ziele vor: Zum einen dürfe niemand künftig weniger als 4'500 Franken im Monat verdienen. Und wer eine abgeschlossene Lehre hat, soll einen Mindestlohn von 5'000 Franken auf sicher haben.
An einer Medienkonferenz legten die Arbeitnehmer-Vertreter dazu Daten vor: Heute erhalte ein Viertel aller Beschäftigten mit einer Lehre weniger als 5000 Franken im Monat. Konkret erwähnte SGB-Chefökonom Daniel Lampart dabei Berufe wie Bäckerinnen, Verkäufer und Hochbauzeichnerinnen.
Auch verdiene die Hälfte der Angestellten weniger als 6’000 Franken. «Real sind die Löhne in dieser Gruppe zwischen 2016 und 2020 sogar gesunken», so Lampart.
Es sei inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr, dass man mit einer Lehre eine Familie haben kann: «Mit 5’000 Franken Lohn ist das kaum mehr möglich», so Lampart.

«Ziele erreicht»

Die Gewerkschaften hätten in der Lohnrunde 2022/23 bislang «einen beträchtlichen Teil ihrer Ziele erreicht», so die Mitteilung des SGB dazu: «Die Lohnabschlüsse enthalten bisher mehrheitlich den Teuerungsausgleich und darüber hinaus teilweise noch eine Reallohnerhöhung.»
Doch zugleich seien die Gespräche anspruchsvoll: «Zahlreiche Kantone wollen ihrem Personal keinen Teuerungsausgleich gewähren. Auch im Detailhandel verlaufen die Verhandlungen unbefriedigend.»
Am Montag war bekannt geworden, dass die Coop-Gruppe die Lohnsumme fürs nächste Jahr um 2 Prozent steigert. Bei einer Teuerung von rund 3 Prozent wird damit der Kaufkraft-Verlust nicht ganz wettgemacht. Allerdings legt der Detailhandelskonzern noch Einkaufsgutscheine hinzu, so dass der Betrag für die Personalvergütungen insgesamt um 3 Prozent steigt.

Einkaufsgutscheine ≠ Löhne

Die Detailhandels-Gewerkschaft Syna empörte sich darüber: Einkaufsgutscheine gehören nicht in Lohnverhandlungen, so die Mitteilung. «Um den Mitarbeitenden eine würdige Existenz zu ermöglichen, müssen die Löhne im Detailhandel strukturell weiter steigen. Dies auch in Anbetracht des zunehmenden Fachkräftemangels im Detailhandel. Hier hat Coop als wichtiger Player im Detailhandel eine Chance und Vorbildfunktion.»
An ihrer gemeinsamen Medienkonferenz griffen die Gewerkschaften das Thema nochmals auf. Unia-Präsidentin Vania Alleva bezeichnete die Verhandlungen mit Coop als gescheitert; dieses Resultat wolle man nicht hinnehmen.

Lohnverlust im Detailhandel

Allgemein schilderte Alleva den Detailhandel als Problembranche. Viele «Arbeitgeber und Arbeitgeberverbände wollen sich trotz gutem Geschäftsgang aus der Verantwortung stehlen», so Alleva: «Im Detailhandel müssen viele Beschäftigte einen Lohnverlust hinnehmen.»
Dasselbe Szenario gebe es auch in anderen Unternehmen. «Sogar in gewissen Betrieben, wo im Gesamtarbeitsvertrag der volle Teuerungsausgleich verankert ist, versuchen die Arbeitgeber, diesen zu verwehren. Die Beschäftigten werden dies nicht akzeptieren.»
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